Ohne Hände. Wie das Fahrrad Warschau verändert
Seit über einhundertfünfzig Jahren nimmt das Fahrrad in der Geschichte Warschaus einen besonderen und etwas paradoxen Platz ein. Einerseits ist es eine der bahnbrechendsten Erfindungen, andererseits wird es oft unterschätzt. Aus der Perspektive der Technikgeschichte lässt es sich als Übergangsetappe betrachten: als Glied zwischen dem Zeitalter der Fortbewegung zu Fuß und zu Pferde und der Vorherrschaft der Verbrennungsmotoren. Es ist eine Erfindung, die Ende des 19. Jahrhunderts begeisterte, heute jedoch oft als weniger aufregend gilt. Es ist langsamer als moderne Verkehrsmittel, kann keine großen Lasten transportieren, schützt nicht vor Regen und dient meist nur einer Person. Und doch sorgt gerade diese Schlichtheit dafür, dass das Fahrrad immer wieder zurückkehrt, auch heute, als Werkzeug des Wandels und der Erneuerung der Stadt.
Die Macher der Ausstellung „Ohne Hände. Wie das Fahrrad Warschau verändert“ untersuchen dieses Phänomen und zeigen das Fahrrad nicht nur als Verkehrsmittel, sondern auch als Technologie, die alltägliche Praktiken prägt, das Körpererleben beeinflusst und die Wahrnehmung der Stadt verändert. Das Radfahren wiederum wird als ein Phänomen sowohl historischer als auch gegenwärtiger Art dargestellt: eine Praxis, die in verschiedenen Epochen unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Bedeutungen annahm und mit unterschiedlichen Vorstellungen von Moderne verbunden war. Die Ausstellung thematisiert unter anderem Mobilität als kulturelle Erfahrung, Fragen der Emanzipation sowie die Rolle des Radfahrens in der materiellen Kultur der Stadt und seine Bedeutung als Phänomen mit gesellschaftlicher und politischer Dimension.
Anfänge des Fahrrads und der Triumph des Radsports
Radrennfahrer auf dem Weichseluferweg Wybrzeże Kościuszkowskie während des Friedensrennens, Edward Hartwig, 1960er-Jahre, Bestände des Museums Warschau
Radfahren tauchte in Warschau bereits im 19. Jahrhundert auf. Die ersten Ausfahrten fanden in den 1860er-Jahren auf sogenannten „samojezdy“, „samopędy“ oder „samochody“ statt, wie die Fahrräder damals genannt wurden, ob aus dem Ausland importiert oder lokal gefertigt. Den eigentlichen Aufschwung brachte jedoch das Jahr 1886, als der Warschauer Radfahrerverein gegründet wurde und in England das Sicherheitsrad erfunden wurde, eine Konstruktion, die im Wesentlichen der heutigen entspricht. Die Anfänge des Radsports brachten zugleich den Beginn des spezialisierten Sportjournalismus hervor.
Die Ausstellung zeigt Ausschnitte aus Zeitschriften wie „Cyklista“, „Koło“, „Kolarz, Wioślarz i Łyżwiarz“ oder „Warszawska Gazeta Sportowa“. Auf ihren Seiten wurde nicht nur dynamisch über die sich entwickelnden Wettkämpfe berichtet, sondern auch über Gesundheit und die mit dem Sport verbundenen Ideen diskutiert. Unter den Exponaten befindet sich außerdem ein Halstuch im Zusammenhang mit dem Friedensrennen von 1950, das die Fankultur dokumentiert, sowie eine Reihe von Souvenirs, die eines der wichtigsten Sportereignisse in den Ländern des Ostblocks begleiteten.
Auch der Film „Zaczarowany rower“ in der Regie von Silik Sternfeld, nach einem Drehbuch von Jerzy Suszko und Bohdan Tomaszewski, knüpft an die sportliche Begeisterung an. Es ist eine sportlich-gesellschaftliche Erzählung, deren Handlung teilweise während internationaler Radrennen in Warschau spielt. Ergänzt wird diese Geschichte durch Fotografien von Leonard Jabrzemski, die in den 1970er-Jahren dem Museum Warschau übergeben wurden und Radrennen auf den Straßen der Hauptstadt während des Wiederaufbaus nach dem Krieg zeigen.
Das Fahrrad als Werkzeug der Emanzipation
Einer der wichtigsten Stränge der Ausstellung ist die Frage der Emanzipation. Zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte wurde das Fahrrad zum Instrument der Ausweitung von Autonomie – für Arbeiter, Frauen, Kinder und Migranten. Es ermöglichte selbstständige Fortbewegung, veränderte das Verhältnis von Arbeit und Freizeit sowie von privater und öffentlicher Sphäre und verschaffte den Menschen größere Freiheit. Die Geschichte des Radfahrens verwebt sich so mit der Geschichte gesellschaftlicher Bestrebungen, klassen-, geschlechts- und generationsspezifischer Fragen sowie von Veränderungen des Lebensstils.
Maria Chrząszczowa an einem Fahrradreparaturstand in der Marszałkowska-Straße, Zofia Chomętowska, 1945, Bestände des Museums Warschau
In der Ausstellung präsentieren wir unter anderem Fotografien, die Karolina Kocięcka und Maria Skłodowska-Curie auf Fahrrädern zeigen.…

Ohne Hände. Wie das Fahrrad Warschau verändert
Von Piotr Kubkowski, Konrad Schiller
29. Mai 2026 – 2. Juli 2027
