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Oratorium für eine Verfassung der Erde

Öffnet in 26 Tagen

Wie in Polen und seinen Nachbarländern gibt es auch in weiten Teilen Lateinamerikas eine wachsende Tendenz, die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche neu zu bewerten, die in den 1980er-Jahren in Gang gesetzt wurden. Worum es in diesen andauernden Debatten geht, ist jedoch weniger eine Bilanz der Vergangenheit als vielmehr eine Reflexion über die Politik von morgen.

Die in der Ausstellung Oratorium für eine Verfassung der Erde versammelten Werke laden uns ein, unsere Vorstellungskraft zu erproben, und distanzieren sich von patriarchalen und technokratischen Visionen der Modernisierung. Sie zeigen außerdem, dass engagierte Künstlerinnen und Künstler aus Lateinamerika sowie aus Mittel- und Osteuropa trotz geografischer Entfernung und kultureller Unterschiede heute nach Antworten auf ähnliche Fragen suchen. Wie können wir uns von fortbestehenden Formen kolonialer und imperialer Gewalt befreien, die gegenwärtige soziale Spaltungen aufrechterhalten und eine uneingeschränkte Ausbeutung der Ressourcen ermöglichen? Lässt sich das Erbe der emanzipatorischen sozialen und kulturellen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Kampf um die Rechte der Natur versöhnen?

Den Titel der Ausstellung entlehnt diese einem Werk von Marcelo Expósito, einem von mehr als zwanzig Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Arbeiten im CSW präsentieren. Sein Oratorio para una Constitución de la Tierra (Oratorium für eine Verfassung der Erde) ist eine Partitur für eine performative Aktion, die unter anderem aus Auszügen der gegenwärtigen Verfassungen von Ecuador, Bolivien, Mexiko und Bhutan sowie aus dem abgelehnten Verfassungsentwurf Chiles von 2022 besteht. Wie Expósito greifen auch viele andere eingeladene Künstlerinnen und Künstler auf Praktiken des Schreibens zurück – und vor allem auf das Schreiben von Recht – und nutzen sie als produktiven Ausgangspunkt für kreative Paraphrase und Spekulation.

Für die Ausstellung ist jedoch ebenso wichtig, was der Sprache vorausgeht. Anhand einer Auswahl von Beispielen zeichnet Oratorium für eine Verfassung der Erde den Wandel von der auf den Menschen zentrierten Performancekunst des zwanzigsten Jahrhunderts hin zu gegenwärtigen Ansätzen der Performativität nach, die das Mehr-als-Menschliche in den Mittelpunkt stellen. Es ist kein Zufall, dass die Kunst ihre Handlungsfähigkeit zunehmend hervorhebt, während neue Denkweisen entstehen, die Natur als Subjekt in eigenem Recht begreifen – und nicht bloß als passives Objekt menschlichen Handelns.

Die Ausstellung stellt aktuelle künstlerische und aktivistische Praktiken neben Werke aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Sie strebt jedoch keine Enzyklopädie an; vielmehr hat sie die Form eines Ausstellungs-Essays. Durch assoziative Gegenüberstellungen führt sie Praktiken aus zwei gegensätzlichen Hemisphären zusammen, in denen die Sorge um das Wohlergehen des Planeten als Ganzem in gleichem Maße spürbar wird, wenn auch auf unterschiedliche Weise, geprägt von den jeweiligen Kontexten. Wir hoffen, dass diese Ausstellung neue Perspektiven auf Themen eröffnet, die für die zeitgenössische Kultur in Polen und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks zunehmend an Bedeutung gewinnen.

— Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art