Mire Lees großformatige, immersive Installationen bestehen oft aus undichten Maschinen und quasi-organischen Strukturen, die zu tropfen und zu verfallen scheinen. Defekte motorisierte Elemente wirken, als würden sie unter ihrem eigenen Betrieb ächzen und sich der nahtlosen Effizienz widersetzen, die gemeinhin mit moderner Technologie assoziiert wird. Anstelle von polierten Oberflächen und reibungslosem Betrieb inszeniert Mire Lee eine Welt des Widerstands und des Verfalls. Ihre unheimlichen, fabrikähnlichen Szenarien lassen Materie instabil und viszeral erscheinen, erinnern an Körperflüssigkeiten, Fleisch und Industrieabfälle und wirken dabei direkt auf die Sinne und Körper des Publikums ein.
In der Secession fühlt sich die Luft dick an – stickig, heiß, geradezu angespannt. Der ansonsten makellose Terrazzoboden des Ausstellungsraumes weist Spuren einer zähflüssigen Substanz auf, die sich ausbreitet und eine schräge Wand hinunterfließt. Im Laufe der Ausstellung werden sich dort Krusten ansammeln und eine wachsende Haut aus rostigen Schorfstellen bilden. Diese Trennwand dient als Barriere, die einen großen Zementmischer verbirgt, der sich im Hintergrund träge dreht. Die Maschine gibt ein dumpfes, kontinuierliches Geräusch von sich, wie einen monotonen Puls – ihr Bauch ist wie eine Wunde aufgeschnitten, ihr innerer Kern liegt frei, unfähig, zur Ruhe zu kommen.
Dieser kinetische Apparat bewegt sich zwischen Vitalität und Zusammenbruch. In seinem Inneren entfaltet sich ein entropischer Kreislauf: Mechanisch neu kalibriert und verändert, wird sich die Trommel während der gesamten Dauer der Ausstellung weiterdrehen. Ein Gewirr aus PVC-Rohren durchzieht den Raum wie ein Gefäßsystem und pumpt in endlosen Schleifen eine flüssige Lösung, die unter anderem Eisenoxid, Messingpulver und Sägemehl enthält. Das spiralförmige Rührblatt des Betonmischers versetzt die zähflüssige rote Substanz in Bewegung, wobei sich gelegentlich metallische Flecken an seiner Oberfläche festsetzen. Die Decke des Ausstellungsraumes wurde freigelegt und ihre Glasplatten entfernt, sodass natürliches Licht einfallen kann.
Im hinteren Teil des Raums sind alte Werbebanner aus früheren Secession-Ausstellungen über den letzten Abschnitt der Ausstellung verteilt. Auf ihren Oberflächen sind mit Messingfolie überzogene Wortfragmente zu sehen, neben Markierungen und Mustern, die mit bleihaltigem Lötzinn überzogen sind. In Anlehnung an Gustav Klimts Beethovenfries bringen die Werke eine ornamentale Sprache mit industrieller Hitze, Toxizität und Spuren materieller Ablagerungen in Kontakt. Blei, das im Lötzinn enthalten ist, wird heute mit Verschmutzung und gesundheitlichen Schäden assoziiert, obwohl es einst in Architektur, Handwerk, Kosmetik und Ornamentik weit verbreitet war und ebenso sehr wegen seiner Formbarkeit und seines Glanzes wie wegen seiner Nützlichkeit geschätzt wurde. Sein Schimmer wirkt hier weniger prachtvoll als vielmehr wie ein melancholischer Überrest: ein materielles Leuchten, das man kaum noch begehren kann.
Die Etymologie und Kulturgeschichte des Begriffs „Melancholie“ lenken diese materielle Düsternis nach innen, hin zum Körper selbst. Das Wort leitet sich vom altgriechischen „melas“ (schwarz) und „choli“ (Galle) ab und verweist auf den Ursprung der Lehren über den Körper. Man glaubte, dass die schwarze Galle aus der Milz stammt und im Übermaß tiefe Traurigkeit und Kummer hervorruft. Ein Ungleichgewicht zwischen den vier Körpersäften – Blut, gelbe Galle, Schleim und schwarze Galle – bedeutete, dass der menschliche Körper versagte und im Verfall begriffen war: sowohl körperlich als auch seelisch.
Mire Lees Arbeiten verhalten sich wie dysfunktionale Hybridwesen, gefangen in unerbittlichen Zyklen von Produktion und Erschöpfung. Hier vollführt die Maschinerie der Künstlerin eine weitere Drehung um ihre eigene Achse: Sie nimmt die Mitte des Raumes ein, reagiert auf die Architektur des Gebäudes und spaltet zugleich den Raum auseinander. Nach und nach breitet sich eine Umgebung aus Exzess, Schmutz und krampfhaftem Zucken aus.

Mire Lee
Mire Lee
26. Juni – 30. Aug., 2026





