jan vičar | schwarze tränen

Von jan kunze

14. Juni – 22. Nov., 2026

Grafik als Notizbuch der Erinnerung. Ein Abdruck des nächtlichen Atems. Ein Schnitt, geführt durch Schichten von Material und Zeit. Die Ausstellung „Schwarze Tränen“ präsentiert eine Sammlung von Werken des Grafikers Jan Vičar, die hauptsächlich von seinen Aufenthalten und Erfahrungen in Afrika inspiriert sind. Dieser ausgeprägte Einzelgänger der zeitgenössischen tschechischen Grafikszene, Träger des Mario-Avati-Preises der Französischen Akademie, des Vladimír-Boudník-Preises und Preisträger zahlreicher weiterer Auszeichnungen, bringt in die Aleš South Bohemian Gallery eine künstlerische Aussage, die düster, aber gleichzeitig tiefgründig ist.

Vičars Arbeiten oszillieren zwischen Tagebucheinträgen und traumhaften Visionen. In seinen Holzschnitten und Linolschnitten verdichtet sich die Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und mythische Dimensionen verschmelzen. Jeder Abdruck ist eine Spur einer Reise, die nicht nur geografisch, sondern vor allem innerlich ist. Afrika wird in seinem Werk zu einer initiativen Landschaft – nicht beschrieben, sondern wiedererlebt. Vičars Grafiken sind keine Illustrationen von Erlebnissen. Sie sind Aufzeichnungen des Zusammenpralls kultureller Schichten, der Körperlichkeit der Landschaft und einer Gegenwart, die beunruhigt und fasziniert. Und genau dieser Zusammenprall prägt die Substanz seiner Werke.

Die künstlerische Sprache des Autors entwickelt sich aus klassischen grafischen Techniken, insbesondere aus dem Holzschnitt und Linolschnitt, aber sie verschiebt sie weit über die gemeinhin verstandenen Grenzen des Mediums hinaus. Vičar arbeitet oft mit der Matrix und dem Abdruck als zwei gleichwertigen Entitäten, wobei die resultierende Form immer ein offenes Experiment ist. Mithilfe einer selbstgebauten Presse schafft er monumentale Formate, in denen die Grafik zu Raum, Rhythmus und Objekt wird. In seinem Werk schwingt das Erbe alter Meister der europäischen Grafik – von Dürer bis Goya – mit, aber auch die tschechische Tradition der expressiven Linie und existenziellen Tiefe, wie wir sie aus dem Werk von Josef Váchal kennen. Wie dieser verbindet auch Vičar Poesie, Magie und handwerkliche Disziplin zu einem Ganzen.

Seine Grafiken wirken wie Artefakte – als wären sie direkt in die Oberfläche der Zeit eingegraben. Aufzeichnungen menschlicher Erfahrung, Schmerz, Überschreitung und stiller Ehrfurcht. Jedes Blatt ist ein Zeugnis, das keine Pointe benötigt. Statt einer Geschichte kommt ein Bild. Statt einer Botschaft kommt eine Schicht, Textur, Rhythmus.

Die Ausstellung „Schwarze Tränen“ präsentiert Jan Vičar als einen Künstler, der traditionellen Medien treu bleibt, sie aber gleichzeitig frei und radikal handhabt. Sein Werk beweist, dass klassische Grafik – basierend auf Handarbeit, Rhythmus und Material – auch heute noch monumental, aktuell und tief existenziell sein kann.

Jan Kunze

Aleš South Bohemian Gallery