Vernissage: 1. Juli 2026, 18.00 Uhr Kurator: Miro Kleban Ausstellungsdauer: 2. Juli 2026 – 4. Oktober 2026 Saal C, Hlavná 27, Košice
Die Geschichte von Júlia Bartuszová, geb. Némethová (1904, Okoč – 1990, Štúrovo), gehört zu jenen seltenen Schicksalen, in denen künstlerisches Schaffen weder zu einem Beruf noch zu einer bewussten Lebensentscheidung wird, sondern zu einer natürlichen Vollendung der Lebenserfahrung. Sie begann erst nach ihrem siebzigsten Lebensjahr zu malen, als sie von ihren Kindern Ölfarben erhielt. Dieses scheinbar unscheinbare Ereignis wurde zum Impuls für die Entstehung eines umfangreichen malerischen Werks, das heute einen einzigartigen Beitrag zur slowakischen naiven Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt.
Júlia war keine ausgebildete Malerin. Sie kannte weder akademische Kompositionsregeln noch zeitgenössische Kunsttheorien. Ihr Werk entstand nicht aus dem Bedürfnis, in die Kunstwelt einzutreten, sondern aus dem Bedürfnis zu erzählen. Sie selbst betonte wiederholt, dass jedes Bild mit einer konkreten Erinnerung, einem Ereignis oder einer Erfahrung verbunden sei. Bilder bedeuteten für sie eigenständige visuelle Kapitel einer persönlichen Geschichte. In diesem Sinne kann ihr Werk als malerische Autobiografie verstanden werden, in der sich individuelle Erinnerung in die kollektive Erfahrung einer Generation verwandelt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Land aufwuchs.
Ihre Szenen zeigen Dorfhöfe, Nutztiere, Hochzeiten, Familienfeste, Wälder, Teiche und Kindheitserinnerungen. Bei näherer Betrachtung handelt es sich jedoch nicht um eine einfache Dokumentation der Realität. Júlia Bartuszová malt nicht, was sie sieht, sondern was sie sich erinnert. Die Zeit in ihren Bildern entfaltet sich nicht linear. Einzelne Ereignisse kehren als intensive innere Bilder zurück. Die Perspektive ordnet sich der Erzählung unter, der Maßstab der Objekte der emotionalen Bedeutung und die Komposition der Logik der Erinnerung. Genau deshalb überschreiten ihre Gemälde den Rahmen der traditionell verstandenen naiven Malerei. Neben der Spontaneität und Unmittelbarkeit des volkstümlichen künstlerischen Ausdrucks finden wir in ihnen auch eine eigentümliche Traumhaftigkeit und poetische Transformation der Realität. Die Welt des Alltags nimmt den Charakter eines inneren Theaters an, in dem sich Realität mit Vorstellung, Erinnerung und Sehnsucht verflechtet. In dieser Hinsicht kann ihr Werk als eine bemerkenswerte Schnittmenge von naiver Kunst und einer unverwechselbaren Form des magischen Realismus wahrgenommen werden.
Die erhaltenen schriftlichen Materialien und das Drehbuch zum Dokumentarfilm „Gemalte Träume“ sind von außergewöhnlichem Wert für die Interpretation ihres Werks. Das Motiv des Malens als Form der Befreiung taucht in den Texten wiederholt auf. „Bilder begannen mir als Mittel des Erzählens zu dienen“, erinnert sich die Autorin. Das Malen wurde für sie zu einer Möglichkeit, eine Kindheit, die durch den frühen Verlust der Mutter geprägt war, Erinnerungen an Kriegsereignisse, das Familienleben und die Umgebung der Südslowakei wieder zu erleben. Ihre Bilder können daher nicht von der Erzählung getrennt werden. Sie entstehen als visuelle Äquivalente von Erinnerungen und entwickeln sich ähnlich wie volkstümliche Erzählungen – assoziativ, episodisch und ohne die Notwendigkeit chronologischer Präzision.
Eine besondere Ebene der Ausstellung bildet die Beziehung von Júlia Bartuszová zu ihrem Sohn, dem akademischen Bildhauer Juraj Bartusz (1933 – 2025), einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der slowakischen Nachkriegskunst und einer Schlüsselfigur der Kunstszene von Košice. Auf den ersten Blick handelt es sich um zwei gegensätzliche künstlerische Welten. Während Juraj Bartusz die Sprache der Konzeptkunst, der Aktion, des Experiments und des analytischen Denkens über Raum und Materie prägte, schuf seine Mutter intuitive Gemälde, die auf persönlicher Erfahrung und Erinnerung basierten. Bei näherer Betrachtung lässt sich jedoch eine gemeinsame Basis zwischen ihnen finden: die Überzeugung, dass Kunst keine Dekoration der Welt ist, sondern eine Art, sie zu erkennen und aufzuzeichnen. Beide fanden im Schaffen ein Werkzeug existentiellen Ausdrucks, obwohl sie diametral unterschiedliche künstlerische Mittel verwendeten.
In diesem Zusammenhang bietet sich auch eine Parallele zu Julia Warhol, der Mutter von Andy Warhol, an. Auch sie ging vor allem durch ihre Beziehung zu ihrem Sohn in die Kunstgeschichte ein, bewahrte sich aber gleichzeitig ihre eigene kreative Identität. Die Ähnlichkeit liegt nicht im Stil oder in künstlerischen Ambitionen, sondern in der Fähigkeit, alltägliche Erfahrung in authentischen künstlerischen Ausdruck zu übersetzen.
Die Ausstellung in der Ostslowakischen Galerie präsentiert Júlia Bartuszová nicht als „Mutter eines bedeutenden Künstlers“, sondern als eigenständige Autorin, die ihre künstlerische Sprache in einem Alter fand, in dem Lebensgeschichten normalerweise abgeschlossen werden. Ihre Bilder entstanden nicht aus dem Wunsch nach Anerkennung oder aus einer bewussten künstlerischen Strategie. Sie sind das Ergebnis des Bedürfnisses, eine Welt zu bewahren, die vor ihren Augen verschwand. Genau deshalb bewahren sie bis heute eine außergewöhnliche Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit und die Fähigkeit, über Generationen hinweg zu kommunizieren. Durch sie offenbart sich nicht nur die Geschichte einer Frau, sondern auch ein breiteres Bild der kulturellen Erinnerung, in der das Persönliche zum Universellen wird.
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Júlia
Von Miro Kleban
2. Juli – 4. Okt., 2026
Quelle: vsg.sk/julia



