Vernissage: 4. 6. 2026, 18.00 Uhr Kurator: Miro Kleban Ausstellungsdauer: 5. 6. 2026 – 13. 9. 2026 Sieň Q, Hlavná 27, Košice
Der Kosmos als unendlicher Raum der Möglichkeiten, der Raum als grundlegende Kategorie der Existenz und die Zeit als unsichtbare Größe, die den Rhythmus von Leben und Verfall bestimmt – drei Konzepte, die seit den Anfängen der Zivilisation das menschliche Denken, die Imagination und das Bedürfnis, die Welt zu verstehen, geprägt haben. Die Ausstellung Kosmos, Raum, Zeit verbindet thematisch Kunstwerke überwiegend aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und untersucht, wie sich die Faszination für das Universum, Energie, Bewegung, wissenschaftliche Erkenntnisse oder metaphysische Transzendenz in der visuellen Sprache der modernen und zeitgenössischen Kunst widerspiegelte. Das Projekt knüpft gleichzeitig an die Dauerausstellung der Východoslovenská galéria Komédia ducha an, in der sich der Mensch als Wesen zwischen Rationalität und existenzieller Unsicherheit wiederfindet.
Die Entdeckungen der modernen Physik, Einsteins Relativitätstheorie, die Entwicklung von Astronomie, Kosmologie und Psychoanalyse eröffneten neue Vorstellungen von Realität, in der die Zeit nicht mehr linear und der Raum nicht mehr eine fest definierte Kulisse der menschlichen Existenz ist. Die Kunst reagierte auf diese Veränderungen nicht nur formal, sondern auch philosophisch. Der Kosmos wurde zur Metapher für das Unendliche, aber auch für die menschliche Einsamkeit, der Raum verwandelte sich in ein Feld von Beziehungen und Energien, die Zeit begann als Prozess, Spur, Bewegung oder Vergänglichkeit verstanden zu werden. Die Ausstellung präsentiert diese Tendenzen durch Malerei, Zeichnung, Grafik und Skulptur. In den einzelnen Werken erscheinen geometrische Systeme, imaginäre Karten des Universums, abstrakte Räume, optische Rhythmen, organische Strukturen oder Visualisierungen von Energie und Bewegung.
Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die in der Ausstellung präsentiert werden, ist Rudolf Sikora, dessen Werk zu den Höhepunkten der konzeptuell orientierten Kunst in der Slowakei gehört. Sikora thematisierte bereits seit Ende der 60er Jahre ökologische, kosmologische und existenzielle Fragen. Seine Werke wie Biela diera – čierna diera, Čas…priestor X, Kolobeh života, Dráha mojej kométy oder die Zyklen Môj vesmír und Pozemšťan stellen den Menschen als winzigen Teil des Universums dar, der sich zwischen Geburt und Verfall, Konzentration und Zerfall von Energie bewegt. Sikora verwendet die Sprache von Diagrammen, wissenschaftlichen Zeichen, mathematischen Schemata und textuellen Interventionen. Ähnlich schuf Stano Filko ein eigenständiges kosmologisches System, in dem sich Kunst mit Metaphysik, Spiritualität und einer Vision des transzendenten Raumes verbindet. Werke wie Realita kozmu, 4. dimenzia – Kozmológia Modrá čakra, Mapy vesmíru oder Pomník kozmu verweisen auf Filkos Bestreben, ein universelles Modell der Welt zu schaffen, das auf spirituellen Energien, Farbsymbolik und Bewusstseinskategorien basiert. Filkos „Kosmos“ ist nicht nur ein physikalischer Raum, sondern vor allem ein befreiender, mentaler und spiritueller Raum zugleich. Eine bedeutende Position in der Ausstellung nimmt auch das Werk von Juraj Bartusz und Maria Bartuszová ein, die zwar eine andere visuelle Sprache verwendeten, aber beide die Kategorien von Zeit, Raum und natürlichen Prozessen grundlegend reflektierten. Juraj Bartusz untersuchte in seinen Aktionszeichnungen und Plastiken die Dynamik der Bewegung, die Energie des gestischen Eingriffs und die Zeitlichkeit des kreativen Aktes. Maria Bartuszová näherte sich dem Raum organischer und introspektiver. Ihre biomorphen Objekte, die oft durch Prozesse der Gipsformung und der Schwerkraft der Materie entstehen, ähneln Embryonen, Zellstrukturen oder kosmischen Strukturen. Ihre Werke sind stille Meditationen über Wachstum, Geburt, Berührung und die Zerbrechlichkeit des Lebens. Raum bei Bartuszová ist keine geometrische Konstruktion, sondern ein lebendiger Organismus, Zeit manifestiert sich in ihren Werken als Prozess der Transformation der Materie.
Die Ausstellung zeigt auch, dass die Faszination für den Kosmos nicht nur ein Privileg der Konzeptkunst war. Im breiteren Kontext der sozialistischen Tschechoslowakei stellte das Universum auch ein Symbol der Flucht aus einer ideologisch kontrollierten Realität dar. Die Ära der Eroberung des Kosmos, unterstützt durch die Propaganda des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, verwandelte sich in der Kunst oft in eine Metapher für Freiheit, Unendlichkeit und Imagination. Der kosmische Raum ermöglichte es, über die Grenzen der alltäglichen Realität und über die Grenzen des politischen Systems hinaus zu denken.
Ein besonderes Kapitel bilden die geometrischen und konstruktiven Tendenzen, in denen Raum und Zeit zum Gegenstand analytischer Untersuchung werden. Milan Dobeš erforscht mittels optischer Reliefs und rotierender Strukturen die visuelle Wahrnehmung von Bewegung, Licht und Raum. Seine Werke arbeiten mit kinetischen Effekten und der sich ändernden Wahrnehmung des Betrachters, wodurch der Sehvorgang selbst aktiviert wird. Ähnlich nutzt Štefan Belohradský Prinzipien der Mathematik, Kybernetik und physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Seine Kresba kyvadlom oder seine skulpturalen Objekte stellen den Versuch dar, unsichtbare Kräfte im Raum zu visualisieren. Mathematische und rationalisierende Prinzipien tauchen überraschenderweise auch im Werk von Ján Mathé und Lýdia Jergušová Vydarená auf und spiegeln das menschliche Bedürfnis wider, die Welt durch Zahlen, Zeichen und Modelle zu benennen und zu systematisieren. Der bisher wenig bekannte, aber bemerkenswerte Künstler Pavel Maňka, der sich an der Schnittstelle von geometrischer Abstraktion, Konstruktivismus und visionärer Imagination bewegte, gehörte bereits seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den Pionieren der abstrakt-geometrischen Tendenzen in der Slowakei. Trotzdem blieb er jahrzehntelang am Rande des offiziellen Kunstbetriebs und verbrachte den größten Teil seines Lebens zurückgezogen in seinem Atelier in Bratislava. Neben seinem Interesse an Konstruktion, Geometrie und Raum faszinierte ihn zeitlebens das Fliegen, das Universum und die Vorstellung von „nicht-terrestrischen“ Dimensionen der Realität. Die Werke von Anton Jasusch aus der Zwischenkriegszeit – Beh života, Prameň života, Kompozícia oder Zánik / Smrť planéty – stellen einzigartige Visionen eines kosmischen und spirituellen Universums dar, in dem sich expressive Imagination mit philosophischer Reflexion der Existenz vermischt. Jasusch schuf bereits in den 1920er Jahren monumentale Metaphern von Geburt, Verfall und der Zyklizität des Lebens. Seine Werke schienen spätere kosmologische Tendenzen der slowakischen Kunst vorwegzunehmen.
Die Ausstellung Kosmos, Raum, Zeit schafft keine lineare Kunstgeschichtserzählung, sondern vielmehr ein Netzwerk von Beziehungen zwischen verschiedenen künstlerischen Strategien, philosophischen Fragen und visuellen Vorstellungen der Welt sowie den Bedürfnissen ihrer Rationalisierung im Kontext der modernen Geschichte. Der Kosmos wird hier zur Metapher für Unendlichkeit und Chaos, der Raum ist ein Ort von Beziehungen, Bewegung und Energie, die Zeit repräsentiert ständige Transformation, einen Prozess von Geburt und Verfall. Letztendlich geht es um die Reflexion eines der ältesten menschlichen Wünsche, die Welt, in der wir existieren, zu verstehen und unseren Platz im unendlichen Raum von Zeit und Universum zu finden.
Ausstellende Künstler: Blažej Baláž, Juraj Bartusz, Maria Bartuszová, Štefan Belohradský, Milan Bočkay, Karol Csakó, Milan Dobeš, Orest Dubay, Alexander Eckerdt, Svetlana Fialová, Stano Filko, Daniel Fischer, František Gajdoš, Tibor Gáll, Jozef Jankovič, Anton Jasusch, Lýdia Jergušová Vydarená, Eugen Krón, Pavel Maňka, Michal Machciník, Ján Mathé, Milan Paštéka, Peter Roller, Jozef Sabol, Rastislav Sedlačík, Rudolf Sikora, Boris Sirka, Július Szabó, Adam Szentpétery, Ivan Štubňa, Miloš Urbásek, Boris Vaitovič, František Veselý
Kooperierende Organisationen: Galéria Jána Koniarka, Múzeum vila ateliér Mathé, Nuba Gallery, Stredoslovenská galéria

Kosmos, Raum, Zeit
Von Miro Kleban
5. Juni – 13. Sept., 2026
Quelle: vsg.sk/kozmos-priestor-cas



