Eine dichte und bemerkenswerte Stadt, eine Stadt des Pandämoniums, ein wahrer semiotischer Dschungel. International und hochmodern. Und doch voller Risse, durch die die Vergangenheit sickert. Joanna Bator, Japoński wachlarz (Krakow 2021), 41, aus dem Polnischen übersetzt von Alicja Kowalczewska
Das Künstlerduo Studio 2 entdeckte Tokio genau wie Roland Barthes: ‘nicht durch Bücher, durch Adressen, sondern durch Gehen, durch Sehen, durch Gewohnheit, durch Erfahrung.’
Auf diese Weise begegnet, hat die Stadt sie paradoxerweise (vielleicht wegen des schmerzlichen Gefühls der Entfremdung) dazu bewegt, die eigene Praxis genau zu betrachten und schwierige Fragen zu stellen: Ist es möglich, dass das, was wir schaffen, nicht einzigartig ist, weil unser künstlerisches Doppelgänger in Tokio aktiv ist? Können wir uns in einem zeitgenössischen globalen Dorf noch gegenseitig beeinflussen und dabei unsere Autonomie wahren und der kulturellen Homogenisierung trotzen? Diese ‘Risse’ – dort, wo Vergangenheit und Gegenwart Tokios und seiner Bewohner lauern und abseits des ausgetretenen Touristenpfads liegen – sind das, was die Künstler zu erforschen beschlossen. Sie fanden Spuren des Werks eines unbekannten japanischen Künstlers, dessen Existenz zweifelhaft schien. Der Spur folgend entdeckten die Künstler von Studio 2 weitere Berührungspunkte zwischen sich und diesem unidentifizierten Künstler – akribische Handwerkskunst, das Streben nach Synthese, eine charakteristische Linie und vor allem die feste Überzeugung, dass eine Unterscheidung zwischen ‘Kunst’ und ‘Design’ nicht immer Bestand hat. Auffällig war auch ihr gemeinsamer Umgang mit ihren Medien: Sie nutzten Handzeichnung, 3D-Drucke, Installationen und Filme, um eigene Welten zu schaffen, die zwischen Wirklichkeit und Traum schweben. Welten, bevölkert von Figuren mit Katzengesichtern, die weniger kawaii wirken als vielmehr an Kabuki-Schauspieler erinnern; Menschen, die in der Tokioter U-Bahn einnicken, sich mit dem Lesen von Manga beschäftigen, manchmal in akrobatischen Posen erstarrt. Sind sie von der Melancholie Tokios oder dem Spleen Krakaus überwältigt? Die Erzählung dieser Ausstellung ist nicht linear – sie kreist immer wieder in sich selbst und lädt das Publikum ein, eigenständig nach Bedeutung zu suchen. Tokyo Story ist vor allem eine Geschichte von einer Reise und einer Begegnung mit dem Anderen, und eine, die es uns erlaubt, unser alter Ego zu entdecken.
Agnieszka Jankowska-Marzec

Tokyo Story
Beata Kotnowska · Dariusz Vasina · Von Agnieszka Jankowska-Marzec
Endet in 6 Tagen




