Braucht man Expertenwissen, um zeitgenössische Kunst zu verstehen? Die Ausstellung „Zofia Kulik. Anstelle einer Skulptur. Fußnoten“ lädt dazu ein, Kunst aus der Perspektive der eigenen Erfahrung zu betrachten – offen und neugierig. Ausgangspunkt ist das Werk einer der wichtigsten Gestalten der polnischen Neoavantgarde, ergänzt durch die „Fußnoten“ („Przypisy“), das Ergebnis von Treffen der Offenen Arbeitsgruppe, die sich über mehrere Monate mit dem Schaffen Zofia Kuliks beschäftigte und zugleich einen Raum für gemeinsames Entdecken schuf.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eines der bedeutendsten Werke Zofia Kuliks, entstanden 1971 als ihre Diplomarbeit an der Bildhauerei-Fakultät der Warschauer Kunstakademie. In dieser Umsetzung verzichtete die Künstlerin auf Meißel und klassische bildhauerische Materialien zugunsten der Fotografie. Mit der Kamera schuf sie eine Abfolge von Bildern, die aus Handlungen an Modellkörpern und verschiedenen Gegenständen entstanden.
Kulik studierte zu einer Zeit, als Oskar Hansen – Architekt, Pädagoge und Urheber des Konzepts der Offenen Form – die Warschauer Kunstakademie mitprägte. Seine Theorie besagte, dass ein Werk kein geschlossenes, fertiges Objekt sein sollte, sondern eine offene Struktur, die für Veränderung, Dialog und die Teilhabe des Betrachters empfänglich ist. Diese Ideen waren auch ein wichtiger Bezugspunkt für ihre Diplomarbeit, die sie „Anstelle einer Skulptur“ nannte.
Die Ausstellung im Museum für Fotografie ist die erste museale Präsentation dieses Werks in Polen. Ihr wichtigster Teil ist eine Diashow – einer von drei Teilen der Realisierung von 1971. Die etwa dreißigminütige Projektion ermöglicht es, in die Welt der Künstlerin einzutauchen und einen sich entfaltenden schöpferischen Prozess zu beobachten, in dem Formen und Farben erscheinen und verschwinden und miteinander in Wechselwirkung treten.
Die Ausstellung endet jedoch nicht mit der Präsentation des historischen Werks. Ihr zweiter, ebenso wichtiger Teil sind die „Fußnoten“ – ein Projekt der Offenen Arbeitsgruppe. Über mehrere Monate untersuchten Menschen verschiedener Generationen und Erfahrungen gemeinsam, wie man „Anstelle einer Skulptur“ heute lesen kann und wie man über zeitgenössische Kunst so sprechen kann, dass sie für das Publikum zugänglich wird. Ergebnisse sind Texte, Notizen, Skizzen, Workshop-Materialien und die Dokumentation der einzelnen Etappen der gemeinsamen Suche. Die „Fußnoten“ weisen nicht auf eine einzige richtige Deutung hin. Sie zeigen vielmehr, dass selbst Kunst, die schwer verständlich erscheint, Schritt für Schritt vertraut gemacht werden kann – durch Erfahrung, Gespräch und das Stellen von Fragen.
Die Idee der Offenen Form findet auch in der Gestaltung der Ausstellung selbst ihre praktische Entfaltung. Besucherinnen und Besucher können sich am gemeinsamen Weben auf einem vorbereiteten Webstuhl beteiligen. Der aus recycelten Materialien entstehende Stoff wird sich während der gesamten Laufzeit der Ausstellung verändern und die Spuren der Anwesenheit weiterer Personen tragen.
Abgerundet wird das Ganze durch einen Zyklus wöchentlicher Treffen, die ausgewählten Fragen im Zusammenhang mit Zofia Kuliks Werk, der Theorie der Offenen Form und der heutigen Rezeption von Kunst gewidmet sind. Die Treffen schaffen einen Raum für Gespräch, Erfahrungsaustausch und gemeinsames Entdecken der Ausstellung.
Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten des Museums zugänglich. Der letzte Einlass in die Ausstellung erfolgt eine Stunde vor Schließung.
Der Eintritt in die Ausstellung „Zofia Kulik. Anstelle einer Skulptur. Fußnoten“ ist möglich mit: • Einzelticket: 5 zł • Kombiticket: für die Hauptausstellung oder ein Ticket für alle Ausstellungen • Dauerkarte: 15 zł – unbegrenzter Eintritt in die Ausstellung während ihrer gesamten Laufzeit und Teilnahme an Begleitveranstaltungen.
Kuratorin: Monika Kozień Kuratorische Zusammenarbeit: Offene Arbeitsgruppe (Aleksandra Adamowicz, Agnieszka Berezowska, Kasia Borysewicz, Annemarie Frascoli, Marta Gelu, Monika Kozień, Karolina Majchrowicz, Barbara Maroń, Tuyết Pham, Izabela Raś, Elżbieta Sobiecka, Anna Szczepańska-Krasoń, Paulina Świca; gelegentlich unterstützende Personen des Prozesses: Małgorzata Flanek, Monika Góralewska, Joanna Hakluk, Elżbieta Kozień, Justyna Michalik-Tomala, Jakub Wójcik und Mysza).
Koordination und Produktion: Weronika Poskrobko Gestaltung der Installation: Bartek Buczek Typografie-Gestaltung: Sławomir Bobola, Magdalena…

Zofia Kulik. Anstelle einer Skulptur. Fußnoten
Von Monika Kozień
3. Okt. – 20. Dez., 2026

