Spektakel: Das Unterhaltungsplakat 1890–1938

Von Ivana Skálová

6. Mai – 13. Sept., 2026

Die massive Entwicklung der organisierten, institutionalisierten und professionalisierten Unterhaltung verlief seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Hand in Hand mit dem Aufstieg der modernen Gesellschaft sowie mit der Veränderung der Lebensweise und des Lebensrhythmus. Vor allem die Großstädte durchliefen einen grundlegenden Wandel: Ihren Bewohnern, die in zunehmendem Maße das neue Phänomen der Zeit – die Freizeit – genossen, konnten sie ein konzentriertes Angebot an Vergnügungsbetrieben, kulturellen und sportlichen Ereignissen sowie mehr oder weniger bizarren Shows, „Spektakeln“ oder Schaustellungen bieten. Die Bezeichnung „Spektakel“ war damals nicht nur ein Synonym für eine Schau; sie wurde auch für Lärm, Trubel und alles verwendet, was durch seine grelle äußere Form das Publikum anzog.

Die vordergründige Effektivität und Attraktivität der Unterhaltungsindustrie beeinflusste nicht nur weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, sondern auch Aktivitäten fernab der Stadt, wie etwa die Wahrnehmung von Natur und Landschaft in Form von Tourismus und Reisen auf der Suche nach spektakulären Erlebnissen. Die wachsende Bedeutung der Visualität in der modernen Welt, begleitet von der Entwicklung der Fotografie, des Films und vor allem der Werbung, sättigte die hungrigen Sinne mit einer Fülle von Bildern. Im öffentlichen Raum wurde ein eigenständiges Medium – das Bildplakat – zum symptomatischen Ausdruck dieser grundlegenden Verschiebungen in der sinnlichen Wahrnehmung und im Erleben der Welt. Seine goldene Ära, die kurz vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, kodifizierte die grundlegenden Prinzipien dieses Genres der visuellen Kommunikation. Und gerade die Plakate, die zu Theateraufführungen, Kabaretts, Tanzkarnevals, Illusionisten- oder anderen Shows, zu Sportereignissen oder Reisezielen einluden, boten den Afischisten – den Künstlern, die Plakate entwarfen – ein unerschöpfliches Spektrum ebenso unterhaltsamer wie spektakulärer Themen. Das Unterhaltungsplakat wurde so selbst zur Schau, zum Spektakel des Spektakels.

Die zunehmende Dominanz der effektvollen äußeren Form wurde zum Motor der Konsumgesellschaft und festigte eine Beziehung zur Welt, die auf der Entfremdung von der Realität beruhte – einer Realität, die letztlich nur noch durch entleerte Formen und Bilder repräsentiert wird, welche eine fiktive Wirklichkeit der Gegenwart erschaffen. Auf die weitreichenden Folgen der Bevorzugung der Schau gegenüber der Wirklichkeit, die den Einzelnen in die Lebensrolle des Zuschauers delegiert, wies bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert der französische Philosoph und Soziologe Guy Debord in seinem Werk La société du spectacle (Die Gesellschaft des Spektakels, 1967) kritisch hin.

Die Ausstellung der Unterhaltungsplakate aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg präsentiert eine Auswahl der bedeutendsten in- und ausländischen Künstler, darunter Jules Chéret, Alfons Mucha, Luděk Marold, Karel Šimůnek, Arnošt Hofbauer, František Kysela, Vilém Rotter, Emil Weiss und Leo Heilbrun, aber auch anonyme Drucke, die die damalige Produktion veranschaulichen. Sie nähert sich diesem spezifischen Typus des Werbemediums in einem thematischen Querschnitt durch die einzelnen Unterhaltungsgenres sowie durch die stilistischen und funktionalen Wandlungen des Grafikdesigns. Nicht zuletzt bietet sie einen attraktiven Einblick in die Geschichte des konsumorientierten Freizeitverhaltens und in die Realität der institutionalisierten Unterhaltung. Zugleich lädt die Ausstellung dazu ein, über das Erbe von Debords Überlegungen zum Spektakel nachzudenken, das er als gesellschaftliches System verstand, welches die Rolle des Einzelnen und dessen Verhältnis zur Welt bestimmt. In der heutigen Zeit virtueller Medien und virtueller Realität sind seine Thesen von höchster Aktualität.

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