Noch heute haben die Gemälde, Zeichnungen und Fotografien von Siegfried Herz die Qualität einer Erscheinung. Sie scheinen nicht aus der Gegenwart zu stammen, sondern aus einer anderen, halbvergessenen Zeit, aus dem unruhigen Grenzland zwischen Symbolismus, frühem Expressionismus, dekadenter Melancholie, Stummfilm und privatem Tagebuch. Sie besitzen eine zeitlose Qualität, sind aber niemals nostalgisch oder historisierend. Ihre Zeitlosigkeit ist weder eine Frage stilistischer Affektiertheit noch eine Flucht in die Vergangenheit. Vielmehr entsteht sie aus der tiefen inneren Isolation, aus der sie geschaffen werden. Herz wendet sich der Kunstgeschichte nicht zu, um ihre Formen zu zitieren, sondern weil er dort verwandte Seinszustände findet: Einsamkeit, Angst, Zittern, Sehnsucht, Verletzlichkeit, Ekstase und die stille Akzeptanz der eigenen Getrenntheit. Die materielle Beschaffenheit von Herz' Werk ist von zentraler Bedeutung. Flecken, Tropfen, Abriebe, Schlieren, weichgezeichnete Ränder und gestörte Oberflächen erzeugen den Eindruck, dass das Bild selbst einen Verwundungsprozess durchlaufen hat. Die bemalte Oberfläche wird zu einer Art Haut, die Spuren von Berührung, Druck, Auflösung und Löschung trägt. Exposition betrifft also nicht nur die dargestellte Figur, sondern das Werk selbst. Nicht nur der Körper wird entblößt, sondern das Medium. Das Bild offenbart seine eigene Entstehung, seine eigene Instabilität, seine eigene Verletzlichkeit. Herz' Gemälde sind keine nahtlosen Illusionen; sie sind Anerkennungen von Zerbrechlichkeit.
Die Ausstellung Der Große Mittag baut auf dieser grundlegenden Erfahrung im Zentrum von Herz' Werk auf. Ihr zentrales Thema ist die Enthüllung, Offenbarung und Exposition, jedoch nicht in erster Linie als erotisches oder körperliches Motiv. Hier ist Nacktheit vor allem eine Metapher für psychische Offenheit. Der entblößte Körper, das unbedeckte Gesicht, der unbewachte Blick, die bröckelnde Maske oder der verblassende Umriss sind keine Zeichen äußerer Zugänglichkeit, sondern Momente, in denen eine Person kurzzeitig die Fähigkeit verliert, sich selbst zu schützen. Herz' Werke stellen Menschen in dem Moment dar, in dem ihre sichtbare Form durchlässig wird. Dies ist nicht einfach die Darstellung des Körpers, sondern ein Zustand, in dem der Körper in ein Bild der Seele verwandelt wird. Der Titel der Ausstellung trägt eine scheinbare Klarheit. Der Mittag wird gemeinhin mit Licht, mit dem Höhepunkt des Tages, mit der Stunde größter Sichtbarkeit assoziiert. In Herz' Vision ist der Mittag jedoch alles andere als idyllisch. Er ist intensiv, gnadenlos, fast schmerzhaft. Es ist der Moment, in dem jeder Zufluchtsort des Schattens verschwindet und man sich dem Licht ausgesetzt findet, ohne Möglichkeit zur Flucht. Doch dies macht die Figur nicht leichter verständlich. Im Gegenteil: Je mehr Licht auf Herz' Figuren fällt, desto mehr tritt ihr Geheimnis zutage. Hier erklärt Licht nicht; es offenbart. Es führt nicht zur Gewissheit, sondern zu Unbehagen. Es suggeriert, dass die tiefste Wahrheit des Menschen nicht in dem liegt, was beschrieben werden kann, sondern in dem, was trotz voller Sichtbarkeit verborgen bleibt.
Herz' Werk bewegt sich an der Schwelle zwischen Malerei, Zeichnung, Fotografie und dem Bild der Erinnerung. Einige Figuren scheinen aus der Maserung einer abgedunkelten Fotografie zu entstehen; andere entstehen durch Pigment, Wasser, Wischen, Durchsickern, Ansammlung und Verfall. Gesichter sind nicht scharf abgegrenzt, sondern entstehen allmählich. Körper sind nicht anatomisch beschrieben, sondern werden als zerbrechliche Oberflächen offenbart, auf denen sich die Spuren von Zeit, Berührung, Sehnsucht und Verwundung abgesetzt haben. Herz' Gemälde erwecken den Eindruck, dass sie nicht durch die Konstruktion von Form entstehen, sondern indem etwas hervorgebracht wird, das lange im Dunkeln existierte. Hier ist das Bild zugleich eine Erinnerung, die kämpft, ihre Form wiederzuerlangen, und eine Wunde, die sich weigert, vollständig zu heilen.

Der große Mittag
Siegfried Herz · Von Otto M. Urban
Endet in 30 Tagen

