Der Beginn des 19. Jahrhunderts bringt neue Gedanken in die tschechische Kultur, eine neue Philosophie, die den Blick des Einzelnen in sein eigenes Inneres zu wenden versucht. Sie erscheint in der Gestalt eines zerrissenen Wanderers, der über einem Abgrund steht und verträumt in die Ferne blickt, in die er vielleicht eines Tages gelangt, während er über den Sinn des Lebens und die Bedeutung des Einzelnen im Kreislauf des Daseins nachdenkt. Was sieht der Wanderer? Ermüdet von der Industriellen Revolution, vom Fortschritt der Menschheit und vom Gedankengut der Aufklärung, richtet er seinen Blick zurück in seine Seele, in die innere und äußere Landschaft, hin zu einem tiefen Erlebnis, zu einer Verbindung mit der Natur, dem Land, der Heimat und der Geschichte. Genau so, wie ihn der deutsche Maler Caspar David Friedrich um 1818 in seinem Gemälde Der Wanderer über dem Nebelmeer darstellte.
Der Wanderer, dessen Spuren wir folgen werden, ist der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha. Ein Genie, das es während seines kurzen und stürmischen Lebens schaffte, zum Wegbereiter der tschechischen Poesie zu werden und zum Inspirationsquelle für ganze Generationen von Dichtern und Wanderern, die versuchten, seinen Weg durch die Landschaft und die Literatur nachzugehen. Im Jahr 2026 werden 190 Jahre seit seinem Tod vergangen sein.
Ein Wanderer, der sein ganzes Heimatland durchschritten hatte, bevor er den Mut fasste, auch eine fernere Reise zu absolvieren. In nur sechs Wochen gelangte er zu Fuß über Innsbruck bis in die italienische Stadt Venedig. Ein Dichter, der in seinem berühmtesten Werk, dem epischen Gedicht Mai, eine Volkssage nacherzählte, die Liebe, Leidenschaft, Hass und Angst umfasst, und der mittels dieser Allegorie die Schönheit seiner Heimat pries — des Landes, das nach seinen eigenen Worten seine „Wiege und sein Grab“ wurde. Es bleibt ein ewiges Zeugnis der Liebe zum Leben und der Verbundenheit mit der Natur. Durch Sprache und poetische Wendungen malt Mácha ein Bild in allen Farben des Sonnenuntergangs.
Die Wanderung durch die Ausstellung bietet „máchaeske Landschaften“ von bedeutenden wie auch weniger bekannten Künstlern der Romantik. Zu sehen sein werden Werke großer Persönlichkeiten wie Julius Mařák, Antonín und Josef Mánes, Bedřich August Piepenhagen und vieler anderer. Ihre romantischen Waldwinkel, Burgruinen und Wanderer in der Landschaft fesseln durch ihre geheimnisvolle Atmosphäre und die Authentizität eines tiefen inneren Erlebens. Die Wanderung durch die Ausstellung auf den Spuren von Karel Hynek Mácha wird eine Reise durch die Landschaft des 19. Jahrhunderts sein.
Teil der Ausstellung sind auch Werke von vier zeitgenössischen Künstlern – Filip Dvořák, Tomáš Hrůza, Aleš Novák und Miloš Šejn –, die in ihrem Schaffen den Spuren der romantischen Wanderer des 19. Jahrhunderts folgen. Besucherinnen und Besucher können so vergleichen, wie sehr sich der Blick auf die Landschaft im Laufe der Zeit verändert hat.

Gesehene Landschaften | Mit den Augen von Karel Hynek Mácha
Von Michaela Kubišová
28. März – 5. Juli, 2026


